Der Zeitraum 1945 - 1989

Nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft nutzten sowjetische Besatzungsbehörden die Anlage und auch hierüber gibt es kaum Kenntnisse. Im Anschluss teilten sich dann das Ministerium des Inneren mit der für den Strafvollzug zuständigen Volkspolizei sowie die Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) den Gefängnisbau. Wann diese Übernahmen durch DDR-Behörden erfolgten, ist derzeit nicht genau bekannt. Spätestens ab 1953 betrieb das MfS eine „U-Haftanstalt II" in der Hartmannstraße 24 und seit 1957 nutzte die MfS-Bezirksverwaltung den Gefängnisanbau auf der Kaßbergstraße 12 als Untersuchungshaftanstalt. Vermutlich im selben Gebäude betrieb bis Ende 1962 die für den Uranbergbau der sowjetisch-deutschen Wismut AG zuständige MfS-Dienststelle „Objektverwaltung W" eine eigene Untersuchungshaftanstalt. Einen kleineren Teil des Gebäudes (damals Dr.-Richard-Sorge-Straße, heute Hohe Straße) nutzte das DDR-Innenministerium als Untersuchungshaftanstalt. Während dieser Zeit entstanden auf dem Gelände einige Neu- und Anbauten.

Das Ministerium für Staatssicherheit nutzte das Kaßberg-Gefängnis einerseits als regionale „Untersuchungshaftanstalt" (der Begriff verschleiert allerdings, dass hier keine polizeiliche oder justizielle Untersuchung erfolgte, sondern von den Gefangenen systematisch Selbstbezichtigungen erpresst wurden) sowie andererseits als zentralen Sammelort zur Abwicklung des Freikaufs politischer Häftlinge aus der DDR. Insbesondere in diesem Zusammenhang ist das Kaßberg-Gefängnis heute deutschlandweit und sogar international bekannt. Denn von 1963 bis 1989 kaufte die Regierung der Bundesrepublik Deutschland mehr als 33.000 politische Häftlinge aus DDR-Gefängnissen frei. Als Gegenleistung erhielt die DDR Warenlieferungen im Wert von mehr als drei Milliarden D-Mark. „Politische" Häftlinge waren dabei all jene, die wegen Kritik an der Partei- und Staatsführung, Fluchtversuchen oder Fluchthilfe sowie wegen tatsächlicher oder vermeintlicher „Spionage" inhaftiert worden waren. Aus Sicht der DDR-Führung waren hauptsächlich zwei Motive ursächlich für die Entscheidung, politische Häftlinge an den Westen zu verkaufen. Zum einen ließen sich mit diesem Handel hohe Erlöse in West-Geld oder -Waren erzielen. Und zum anderen versprach sich die DDR von der vorzeitigen Entlassung und Abschiebung politischer Gegner in den Westen eine Schwächung der Opposition in der DDR.

Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wickelte im Auftrag der SED das MfS die Entlassung der freigekauften Häftlinge über die MfS-Untersuchungshaftanstalt (UHA) der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt ab. Dafür gab es hauptsächlich drei Gründe. Erstens zwangen Baumaßnahmen in der Strafvollzugseinrichtung Berlin II das MfS dazu, ab 1967 auf ein anderes Gefängnis auszuweichen, in dem man die freigekauften Häftlinge sammeln und auf die Entlassung in die DDR oder den Westen vorbereiten konnte. Zweitens war von Karl-Marx-Stadt aus der Transportweg günstig, denn die meisten freigekauften Häftlinge wurden über den Grenzübergang Wartha/ Herleshausen in das Notaufnahmelager im hessischen Gießen gefahren. Und drittens hatte die UHA Karl-Marx-Stadt die erforderliche Größe, um mehrere hundert Häftlinge kurzfristig zusätzlich aufnehmen zu können. Mit Stand vom Oktober 1989 verfügte sie über eine Belegungskapazität von 370 Haftplätzen, fast doppelt so viele wie die zentrale UHA des MfS in Berlin-Hohenschönhausen, die für ca. 200 Insassen ausgelegt war. Damit war das Gebäude in Chemnitz zugleich das größte MfS-Gefängnis überhaupt, keines der anderen 16 Untersuchungsgefängnisse oder die MfS-Haftanstalt in Bautzen reichte an diese Größe heran.