Häcker, Dieter

Dieter Häcker

,,Es musste irgendwie weitergehen!"

Welchen Bezug hat der Zeitzeuge zum Kaßberg-Gefängnis?

Dieter Häcker befand sich hier vom 19. Januar bis zum 5. Juli 1978 in MfS-Untersuchungshaft. In einem öffentlichen Brief an Staatsrat und Volkskammer der DDR hatte er gegen den Umgang der SED-Führung mit dem DDR-Systemkritiker Robert Havemann Stellung bezogen und dabei sowohl die fehlende Meinungsfreiheit in der DDR als auch die politisch motivierte Verfolgung Andersdenkender angeprangert. Seinen mutigen Protest werteten Stasi und DDR-Justiz als ,,öffentliche Herabwürdigung der staatlichen Ordnung" (§ 220 Abs. 1 StGB der DDR). Ende Mai 1978 verurteilte ihn das Kreisgericht Karl-Marx-Stadt/Mitte-Nord zu zehn Monaten Haft, von denen er vier Monate in der berüchtigten Haftanstalt Cottbus absitzen musste.

Biographie des Zeitzeugen

Dieter Häcker kam am 12. Dezember 1952 in Chemnitz zur Welt. 1971 legte er hier an der Erweiterten Oberschule (EOS) ,,Friedrich Engels" (heute Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasium) das Abitur ab. Als sich ihm danach die Wege zum Studium der Rechtswissenschaften oder der Betriebswirtschaft nicht eröffneten, absolvierte er eine Lehre zum Facharbeiter für Datenverarbeitung (Operator).
In seinem kritischen politischen Denken prägte ihn während der EOS-Zeit ein Staatsbürgerkunde- und Geschichtslehrer stark, der im Unterricht nicht die üblichen Lobeshymnen auf Stalin sang, sondern auch auf die Verbrechen des sowjetischen Diktators hinwies. Schon mit seinen Mitschülern und Lehrern diskutierte Dieter Häcker häufig kontrovers über die Politik der DDR. Besonders empörte den aus einer Arbeiterfamilie entstammenden Jugendlichen die starke Einschränkung der in der Verfassung fixierten Grundrechte: Die Bürger der DDR können nicht reisen wohin sie wollen und nicht offen sagen, was sie denken. Ihr Zugang zu Informationen wird staatlich reglementiert und das Führen von politischen Debatten in den Medien verhindert.
1976 machte der junge Mann seinem Unmut über diese unhaltbaren undemokratischen Zustände an oberster Stelle Luft: In einem Protestschreiben an den Staatsrat der DDR kritisierte er scharf die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Als der Dissident Robert Havemann wegen seiner medienwirksamen Unterstützung Biermanns gerichtlich unter Hausarrest gestellt wurde, nahm dies Häcker zum Anlass, sich erneut schriftlich an die Staatsführung zu wenden. Am 3. Oktober 1977 appellierte er an diese

,,durch einen Amnestieerlaß für Prof. Dr. Robert Havemann [dessen] volle Bewegungsfreiheit für das gesamte Staatsgebiet der DDR, einschließlich Berlins, wiederherzustellen" und ,,ihm die Möglichkeit zu geben, seine politische Meinung in der DDR offen und öffentlich darzulegen, [denn dies könne] für die sozialistische Demokratie und für unsere Gesellschaft insgesamt [...] ein wichtiger Schritt nach vorn sein."

Als dieses Bemühen mit der Regierung in Dialog zu treten nicht von Erfolg gekrönt war, verfasste Dieter Häcker am 1. Dezember 1977 ein weiteres Schreiben, diesmal an den Verfassungs- und Rechtsausschuss der DDR-Volkskammer. Darin wiederholte er seine Forderung nach einer Amnestie für Havemann und ersuchte das Parlament um Unterstützung seines Anliegens, dass die Regierung Havemann die Möglichkeit einräumen möge, in der DDR einen öffentlichen Diskurs über die Demokratie zu führen. In diesem Kontext mahnte Häcker zugleich an, dass ,,sein Land" noch immer ,,mit zu vielen Mängeln und Unzulänglichkeiten behaftet" sei. Das

,,grundlegendste Probleme [sah er in den] Tatsache[n], daß bei uns Bürger aus politischen Gründen gefangen gehalten werden – z. B. wegen Staatsverleumdung, Staatsfeindlicher Hetzte oder weil sie illegal unser Land verlassen wollten, was ihnen legal nicht möglich war – und [...] daß viele politische Fragen kaum öffentlich diskutiert werden könnten, obwohl Artikel 27 unserer Verfassung ausdrücklich die öffentliche Meinungsäußerung garantiert."

Da auch dieser Brief unbeantwortet blieb, entschloss sich der damals 25-jährige zu einem offensiveren Vorgehen. ,,Es musste irgendwie weitergehen", begründet er den Schritt, seine Gedanken öffentlich zu machen, heute. Per Hand und Schreibmaschine fertigte Dieter Häcker von beiden Protestbriefen insgesamt 8 Abschriften, die er, zur Untermauerung seiner eigenen Argumentation, mit folgenden Zitaten aus Rosa Luxemburgs 1918 verfassten Überlegungen ,,Zur Russischen Revolution" versah:

,,Hingegen ist es eine offenkundige, unbestreitbare Tatsache, daß ohne eine freie ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben gerade die Herrschaft breiter Volksmassen undenkbar ist. [...] Freiheit nur für Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit für Andersdenkende."

(Abb.: Protestschreiben Dieter Häckers an Staatsrat und Volkskammer, Quelle: Privatarchiv Dieter Häcker)

Am 19. Januar 1978 war es dann so weit. In den Mittagsstunden hing der junge Operator zunächst vier Exemplare der Protestschreiben in den Räumen seiner Arbeitsstelle, des VEB Datenverarbeitungszentrums Karl-Marx-Stadt, aus, begab sich dann in die Chemnitzer Innenstadt und brachte dort an zentralen Plätzen zwei weitere seiner Schriften an. Den Menschen die Augen zu öffnen und sie zum Nachdenken anzuregen kann dabei sicher als eines seiner Ziele bezeichnet werden, das andere und für ihn vordergründige war es, endlich Beachtung bei den beiden Adressaten seiner Schreiben zu finden. Doch diese reagierten nicht mit Gehör, sondern mit der ganzen Härte des ,,Gesetzes". Am frühen Nachmittag desselben Tages wurde Dieter Häcker beim Betreten seines Betriebes von der Volkspolizei (VP) verhaftet und nach einer ersten Vernehmung im Volkspolizei-Kreisamt (heute Polizeipräsidium an der Hartmannstraße), dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) übergeben und in das Kaßberg-Gefängnis gebracht. Das Kreisgericht Karl-Marx-Stadt/Mitte-Nord verurteilte ihn am 31. Mai 1978 zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe. Im Juli erfolgte die Verlegung in den Strafvollzug. Im Zuchthaus Cottbus blieb Dieter Häcker bis zu seiner Entlassung am 16. November 1978 inhaftiert.
Kaum zwei Monate in Freiheit besaß der einstige politische Häftling die Courage gegen das erlittene Unrecht anzukämpfen und die Kassation des Urteils zu beantragen – natürlich ohne jegliche Aussicht auf Erfolg, wie er selbst wusste. Aber, ,,ich", so Häcker rückblickend, ,,war damals so dreist!" Es sollten noch Jahre vergehen, bis er endlich zu seinem Recht kam. Erst nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur hob 1991 das Bezirksgericht Dresden das Urteil gegen ihn auf und stellte in seinem Beschluss eindeutig fest, dass die Verurteilung vor 13 Jahren ,,in schwerwiegender Weise das Gesetz" verletzt habe, denn Häcker hatte mit seiner Art der Kritikübung nie den Boden der DDR-Verfassung verlassen, sondern ,,lediglich" sein verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen.
Nach der Haft konnte der gelernte Techniker in seinen alten Beruf, nicht jedoch an seine frühere Arbeitsstelle zurückkehren. Eine neue Beschäftigung fand Dieter Häcker zunächst im Rechenzentrum des VEB Kohlehandel Karl-Marx-Stadt, bevor er 1986 in den kirchlichen Verwaltungsdienst wechselte – für ihn ein ,,Glücksfall", wie er heute sagt, denn hier lief er nicht mehr Gefahr in Gesprächen politisch ,,anzuecken".
Dass diese Bedenken damals durchaus reellen Hintergrund hatten, offenbart der Blick in Häckers ,,Stasi-Akte": Auch nach seiner Haftentlassung wurde der gebürtige Chemnitzer von der DDR-Geheimpolizei permanent überwacht. Das MfS versuchte mehrfach Spitzel (IM's) in Dieter Häckers direktem Umfeld zu positionieren und leitete 1981 eine operative Personenkontrolle (OPK) mit dem Decknamen ,,Specht" gegen ihn ein. Der Beobachtung indirekt bewusst, ließ sich der überzeugte Freiheitsaktivist davon aber weder in seinem gesellschaftskritischen Denken noch in der Artikulierung seiner Gedanken beeinträchtigen – im Gegenteil: Ab Herbst 1980 solidarisierte sich Dieter Häcker mit der Solidarność-Bewegegung in Polen. Einem an die Polnische Botschaft in Berlin adressierten Brief, in dem er das polnische Volk um Entschuldigung für die ,,unsägliche antipolnische Hetze in der DDR-Presse" bat, folgten weitere Schreiben an den Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), den Häcker aufforderte, mit der Solidarność in Verhandlungen zu treten. Wie bereits 1976, nach dem Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns, musste sich Dieter Häcker auch diesmal diversen betrieblichen Aussprachen unterziehen. War die Wortwahl seiner Gegenüber dabei anfangs beschwichtigend, so wurde sie im Verlauf der Gespräche immer härter, drohender. Aus den Dokumenten der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) erfuhr der couragierte DDR-Kritiker, dass er in dieser Zeit zweimal nur knapp der Gefahr einer erneuten Verhaftung entgangen war. Das MfS erfasste ihn zudem im Sicherungsvorgang (SVG) 1000/68: Im ,,Krisenfall" hätte dies für Häcker zur Konsequenz gehabt, gemeinsam mit zahlreichen anderen Oppositionellen unverzüglich und ohne juristische Begründung in ein Isolierungslager verschleppt zu werden.
Doch zum Glück kam es nie so weit, denn die ,,Friedliche Revolution" wendete das Blatt zum Guten: Seit 1984 in der kirchlichen Friedensbewegung engagiert, schloss sich Dieter Häcker 1989 der Bürgerrechtsbewegung an. Im Oktober 1989 gehörte zu den Gründungsmitgliedern der SPD in Chemnitz. Nach der ,,Wende" blieb er parteipolitisch aktiv und begleitete bis 2004 das Schatzmeisteramt des SPD-Landesverbandes Sachsen.