
Rund 30 Besucherinnen und Besucher, darunter Weggefährtinnen und Weggefährten, waren gestern Abend zu Lesung und Gespräch mit Bernd Lippmann in unseren Lernort im früheren Hafttrakt B gekommen. Der Kaßberg-Zeitzeuge und spätere Mitbegründer des Stasimuseums in der ehemaligen MfS-Zentrale in der Berliner Normannenstraße stellte in einer gemeinsamen Veranstaltung der Professur für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft und des Instituts für Politikwissenschaft der TU Chemnitz sowie unserer Gedenkstätte sein kürzlich erschienenes Buch „Die Stasi, Orwell und ich – Vom Häftling zum Kämpfer für die Wahrheit“ vor. In mehr als 100 kurzen Texten – Episoden, Betrachtungen und Kurzporträts – zeichnet der Autor darin oft chronologisch, manchmal thematisch angeordnet seinen Lebensweg nach – von der Jugendzeit über die politische Haft und den Freikauf aus der DDR bis hin zu seinem Engagement in der Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Lippmann, geboren 1952 in Freiberg/Sachsen, hatte als Mathematik-Student im damaligen Karl-Marx-Stadt Bücher aus dem „Giftschrank“ zu lesen, abzufotografieren und zu tauschen begonnen. Titel wie Orwells „Farm der Tiere“, Parabel auf die Verhältnisse in der Sowjetunion, waren in der DDR nicht offiziell verboten, Besitz und Verbreitung konnten dennoch geahndet werden. Nach Verrat durch IM wurde Bernd Lippmann im August 1974 auf dem Kaßberg inhaftiert und wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Flugblätter mit einem Gerulf-Pannach-Text, die sich bei einer Durchsuchung ebenfalls im Elternhaus befunden hatten, hatte die Mutter mithilfe von Freunden beseitigen können. Zum Strafvollzug wurde der damals 22-Jährige nach Cottbus gebracht und im November 1975 – wieder über den Kaßberg – freigekauft. Im Westteil Berlins arbeitete er als Lehrer und beschäftigte sich am Gesamtdeutschen Institut weiterhin mit dem DDR-Regime.
Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Dr. Eugen Wenzel und dem Politologen Dr. Jakob Kullik, die den Abend in Chemnitz moderierten, ging es um prägende Lektüren und literarische Bezüge (Orwell, Solschenizyn), wichtige Begegnungen (der Anti-Nazi-Widerstandskämpfer und Freiberger Forscher Kurt Gräfe), politische Ansichten und persönliche Erlebnisse. Wie erging es ihm, als er habe ausreisen sollen, da er doch die DDR ursprünglich nicht habe verlassen wollen? Warum sei er nach Berlin gegangen? Wie beurteile er nostalgische Gefühle gegenüber der DDR heute und Unterschiede zwischen Ost und West im Wahlverhalten? Welche Resonanz erfahre er bei Zeitzeugengesprächen? Habe er sich in der Haft an Kafkas „Prozess“ erinnert gefühlt? Welche Rolle spielte für ihn – im Gegensatz etwa zum dystopisch-düsteren Roman „1984“ – der Humor? Themen wie diese waren der Stoff für ein anregendes Gespräch auch mit den Zuhörerinnen und Zuhörern.
Unsere Bilder, fotografiert von Robert Schröpfer, zeigen oben Bernd Lippmann (M.) mit Dr. Jakob Kullik (l.) und Dr. Eugen Wenzel, außerdem unten einen Blick ins Publikum und auf den Büchertisch sowie ein Gruppenbild mit Schwester Dr. Elke Zettl, seinem Schwager, dem Kupferstecher Baldwin Zettl, Schulfreund und Zeitzeuge Steffen Weise, Bernd Lippmann selbst sowie Steffi Abel und dem Zeitzeugen Dr. Werner Abel (v.l.) im Eingangsbereich unseres Lernorts im früheren Hafttrakt B.
Wir danken Dr. Jakob Kullik und Dr. Eugen Wenzel für die freundliche Zusammenarbeit sowie Dr. Lorenz Bernd Drescher von Story Digger für den Büchertisch. Den technischen Support hatte unser Kollege Konstantin Wiesinger, den Besucherdienst übernahm unsere Freiwillige Hanna Kondratenko.


