

Mehr als 80 Besucherinnen und Besucher waren gestern Abend in unseren Lernort gekommen, um ein Zeitzeugenpodium über den Freikauf Rumäniendeutscher mitzuerleben. Unter dem Titel „,Juden, Deutsche und Öl sind unsere besten Exportgüter‘ – Ware Mensch? Wie Rumäniendeutsche gegen Devisen freigekauft wurden“, der im Zitat einen zynischen Ausspruch Ceaușescus aufgreift, und moderiert von Dr. Heinke Fabritius, Kulturreferentin am Siebenbürgischen Museum, berichteten die Zeitzeugen und Freigekauften Brigitte Depner, Dr. Bernd Fabritius, heute Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, und Dr. Friedrich Maithert sowie Cornel Hüsch, Sohn des Freikaufvermittlers im Auftrag des Vertriebenen-, später des Bundesinnenministeriums, Heinz-Günther Hüsch, über ihre Erfahrungen und Erinnerungen.
Gesprächsthemen waren unter anderem das Leben in der alten Heimat und unter der kommunistischen Diktatur, die Frage nach Bleiben oder Gehen, verbunden mit dem moralischen Dilemma, die Situation für die Familie verbessern zu wollen, aber andere zurücklassen zu müssen, bis hin zum Ankommen in Deutschland, einem Land, in das man wollte, das man aber allenfalls aus Berichten bereits Ausgereister und Familienerinnerungen kannte. Von ersten Fremdheitsgefühlen war die Rede, aber auch mangelnder Anerkennung, etwa wenn den Muttersprachlern Deutschkurse abverlangt wurden. Ein Beweggrund zu gehen war es oft gerade gewesen, die eigene Identität zum Beispiel als Siebenbürger Sachse bewahren zu wollen und nicht unter dem Druck der Diktatur rumänisch werden zu müssen.
Ware Mensch – diesen auf das Gebahren des kommunistischen Regimes gemünzten Begriff wollten die Diskutanten indes so nicht stehen lassen. Auf bundesdeutscher Seite, speziell für das aus dem christlichen Glauben heraus motivierte Handeln seines Vaters, so Cornel Hüsch, sei die Würde des Menschen und seine Freiheit, die sich auch hinter dem Eisernen Vorhang Bahn brechen werde, entscheidend gewesen. Die Betroffenen, so auch Dr. Fabritius, sollten in die Lage versetzt werden, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Das sei die Haupthandlungsmotivation auf deutscher Seite gewesen.
Zuvor hatten Dr. Fabritius in seiner Funktion als Beauftragter der Bundesregierung und der Präsident des Sächsischen Landtags, unser Vorstandsmitglied Alexander Dierks, Grußworte gesprochen. Willkommen geheißen hatte die Gäste unser Verwaltungsleiter Ingolf Notzke. Peter-Dietmar Leber führte in einem Überblicksvortrag in das bislang öffentlich zu wenig beachtete, vielfach noch kaum bekannte Thema ein.
Die DDR – Stichwort Häftlingsfreikauf über den Kaßberg – war nicht das einzige Land im damaligen Ostblock, aus dem die Bundesregierung Menschen im Tausch gegen Waren oder Geld freigekauft hat. Zwischen 1967 und 1989 wurde auch die Ausreise von rund 226.000 Angehörigen der deutschsprachigen Minderheiten in Rumänien aus der damaligen kommunistischen Diktatur erwirkt, nachdem es bis 1967 bereits einen Häftlingsfreikauf gegeben hatte, in dessen Rahmen 16.500 Menschen aus rumänischen Gefängnissen und Angehörige aus dem Land herausgeholt worden waren.
Gezahlt wurden Kopf-Pauschalen zwischen 4.000 (1967) und zuletzt 8.950 D-Mark, in den 70er- und 80er-Jahren insgesamt schätzungsweise eine Milliarde D-Mark. Nicht selten kamen private Zahlungen hinzu, die lokale Autoritäten den Ausreisewilligen in Rumänien auf kriminelle Weise abverlangten. Ähnliche Freikäufe gab es für Jüdinnen und Juden aus Rumänien.
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Das Zeitzeugenprojekt ist eine Kooperation von Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis und translations e.V. – Verein zur Förderung der Kultur und Demokratie Europas – gestern vertreten durch Peter Wellach, Florian Mittelbach und Jörg Scherrmann. Es ist offizieller Bestandteil des Programms zur Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 und zielt auf eine Sonderausstellung zum Thema in unserem Lernort im kommenden Jahr.
Die Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes, durch Bundesmittel des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie durch Mittel der Stadt Chemnitz. Außerdem wird das Projekt vom Förderprogramm EUJA! / Sparkasse Chemnitz und von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördert.
Wir danken recht herzlich allen Mitwirkenden für die freundliche Zusammenarbeit, insbesondere den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie unseren Partnern und Freiwilligen.
Unsere Bilder, fotografiert von Anastasiia Terentii, Kateryna Vdovchenko, Vladimir Shvemmer und Robert Schröpfer, zeigen verschiedene Eindrücke vom Abend.








