Kaum jemand in der DDR kannte ihn, obwohl er einer der mächtigsten Politiker des Landes war. Und nicht einmal in höchsten SED-Kreisen wusste man von den Geschäften, die er betrieb, obschon der von ihm geleitete „Bereich Kommerzielle Koordinierung“, kurz KoKo, die DDR wirtschaftlich viele Jahre am Leben hielt: Alexander Schalck-Golodkowski. Formal war er nur Staatssekretär im Ost-Berliner Ministerium für Außenhandel, tatsächlich führte der Oberst des Ministeriums für Staatssicherheit ein weit verzweigtes kapitalistisches Firmenimperium, das die DDR mit Devisen versorgte.
Als im Herbst 1989, nach dem Sturz Erich Honeckers, ans Licht kam, dass KoKo international mit Waffen gehandelt, geraubte Kunstwerke verhökert und die Bonzensiedlung Wandlitz mit westlichen Luxusgütern versorgt hatte, wurde Schalck zur Hassfigur der Bevölkerung und zum Sündenbock der neuen SED-Führung. Vor der drohenden Verhaftung floh er in die Bundesrepublik und vertraute sich dem Bundesnachrichtendienst an.
Welche Verbindungen bestanden zwischen Schalck und westdeutschen Politikern? Welche Zusagen hatte Schalck vor seiner Flucht erhalten? Wie zeigte sich der Bundesnachrichtendienst für Schalcks Offenbarungen erkenntlich? Warum kam er praktisch straffrei davon? Wer finanzierte seinen luxuriösen Lebensstil am Tegernsee? Wie verschoben seine Vertrauten in den Wirren des DDR-Umbruchs Gelder von KoKo-Konten? Welche Geldverstecke sind noch unentdeckt? Fragen wie diesen ging der Autor in den Recherchen für sein 2025 im Europa Verlag erschienenes Buch nach.
Norbert F. Pötzl, geboren 1948 in Waiblingen bei Stuttgart, war von 1972 bis 2013 Redakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Unter anderem leitete er von 1990 bis 1994 das Berliner Spiegel-Büro, war Chef vom Dienst und später mitverantwortlich für die Reihe „Spiegel Geschichte“. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung verfasste er schwerpunktmäßig Aufsätze und Monografien zu DDR-Themen, unter anderem Biografien Erich Honeckers und dessen Unterhändlers Wolfgang Vogel. 2019 erschien sein viel beachtetes Buch „Der Treuhand-Komplex. Legenden, Fakten, Emotionen“. Pötzl lebt und arbeitet in Hamburg und bei Florenz.
Den Abend moderiert Michaela Bausch, Vorstandsmitglied unseres Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V.
„Wer das Werk in die Hand nimmt, kann auf packende Weise studieren, wie der sozialistische und angeblich ,bessere deutsche Staat‘ tatsächlich funktionierte: gierig und frei jeglicher Moral.“ Jens Rosbach, Deutschlandfunk
Der Eintritt ist frei, Anmeldungen bitte per E-Mail an veranstaltungen@gedenkort-kassberg.de.
Das Porträtbild oben zeigt Norbert F. Pötzl. Foto: Stefan Hoyer/Europa Verlag – mit freundlicher Genehmigung