Fake News und Narrative: Journalistin Iryna Avramenko spricht im Lernort über russische Propaganda

50 Besucherinnen und Besucher haben gestern Abend an der Vortragsveranstaltung „Vom Bildschirm in die Küche: Russische Propaganda im deutschen Medienraum und darüber hinaus“ in unserem Lernort teilgenommen. In Kooperation mit UA MRV – Paper Boat, der Pochen Biennale Chemnitz und unserem Lern- und Gedenkort beleuchtete die ukrainische Journalistin und Medienexpertin Iryna Avramenko Versuche der Einflussnahme auf die deutsche Gesellschaft. Ausgangspunkt war die Charakterisierung Russlands als einer Gesellschaft im Modus der Imitation mit dem Ziel des Machterhalts. Russland, so Avramenkos pointierte Formulierung, erschaffe den Schein einer Zivilgesellschaft – ohne Meinungsfreiheit, einer Kirche – ohne Spiritualität, einer Wissenschaft – ohne die Suche nach Wahrheit. Dies allein schon führe zu Missverständnissen aufseiten westlicher Beobachter, die sich von falschen Begriffen täuschen ließen.

Hinzu komme russische Propaganda über den Westen und solche, die auf Beeinflussung im Westen selber ziele, sei es auf gesamte Gesellschaften oder auf russischsprachige Bevölkerungsgruppen, etwa durch kulturelle Einrichtungen, scheinbar unabhängige Influencer, durch sogenannte Doppelgänger-Websites, die sich Titel und Erscheinungsbild bekannter Medien bedienten, um Fake News zu verbreiten, durch Methoden wie Deep Fakes (gefälschte Fotos und Videos) bis hin zu Websites mit dem Zweck, nicht in erster Linie eine große Anzahl Nutzer zu erreichen, sondern Künstliche Intelligenz wie ChatGPT, Gemini oder Claude mit Inhalten zu füttern, die sich diese zu eigen machten und in den allgemeinen Diskurs einspeisten. Auch Social Media, insbesondere Tiktok mit scheinbar unpolitischen unterhaltsamen Beiträgen für junge Leute spiele eine Rolle.

In Bezug auf Deutschland gehe es Russland darum, so Avramenko weiter, die Ukraine als ein Land darzustellen, das Deutschland in den Krieg hineinziehe, deutsche Politiker, die sie unterstützten, als korrupt, die Sanktionen gegen Russland als schädlich für die Bundesrepublik und umgekehrt Russland als Verteidiger traditioneller Werte, das nur auf westliche Provokationen reagiere. Das zentrale Narrativ sei ein historisches und moralisches: Russland habe im Zweiten Weltkrieg mit Blut bezahlt und deshalb das Recht zu entscheiden, was Faschismus sei und was nicht. Das Ziel: Russland könne Deutschland nicht auf seine Seite ziehen, Zwietracht und Zweifel aber reichten, um die deutsche Position zu schwächen.

Diskutiert wurde insbesondere die Bewertung der russischen Opposition. Handele es sich – siehe oben – ebenfalls nur um eine Simulation, gleichsam eine Opposition ohne tatsächliche Gegenposition, die letztlich Putin in die Hände spiele? Oder befänden sich ihre Protagonistinnen und Protagonisten nicht tatsächlich in Gefängnissen und im Exil oder würden umgebracht, wie eingewandt wurde? Was kann und muss man von russischer Opposition erwarten? Warum stelle sie sich gegen Putin, aber nicht oder nicht genügend, so ein Vorwurf, auf die Seite der Ukraine?

Unsere Bilder, fotografiert von Anastasiia Terentii, Vladimir Shvemmer und Robert Schröpfer, zeigen oben Iryna Avramenko bei ihrem Vortrag, außerdem unten weitere Eindrücke vom Abend.

Wir danken Yuliya Komarynets fürs ausdauernde Dolmetschen sowie unseren Kooperationspartnern UA MRV – Paper Boat und Pochen Biennale für die freundliche Zusammenarbeit. Die Begrüßung und den technischen Support übernahm unser Kollege Konstantin Wiesinger.

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