
Rund 30 Besucherinnen und Besucher waren am Freitag auf Einladung des Forums Mitteleuropa beim Sächsischen Landtag und unserer Gedenkstätte in unseren Lernort gekommen, um bei einer Veranstaltung mit György Dalos dabei zu sein. Unter dem Titel „Dissidenz in Mitteleuropa“ diskutierte der Schriftsteller, Historiker und einstige Mitbegründer der demokratischen Oppositionsbewegung in Ungarn mit Dr. Martin Böttger, früherer DDR-Bürgerrechtler und Mitglied unseres Vereins, und als Moderator Dr. Dirk Mathias Dalberg von der Slowakischen Akademie der Wissenschaften (Bratislava) aus europäischer Perspektive über Oppositionsbewegungen und die Freiheitsrevolutionen 1989 in den verschiedenen Ländern des damaligen Ostblocks und die Herausforderungen heute. Zuvor hatten Landtagspräsident a.D. Dr. Matthias Rößler und unser Vorstandsmitglied Nicole Jassner-Sehning in Grußworten ins Thema eingeführt und Dalos einen Überblick über die damaligen Entwicklungen gegeben – von Ungarn als „lustigster Baracke im Lager des Kommunismus“, in der nach dem Aufstand von 1956 mit Terror und Konsum regiert wurde, über die DDR mit ihren Spezifika Westfernsehen und Systemkonkurrenz im geteilten Land bis hin zum Rumänien Ceaușescus, der grausamsten, als orientalischer Despotie.
Die jeweilige Situation, so Dalos, habe auch die Opposition in den verschiedenen Ländern geprägt. In Polen habe es mit der katholischen Kirche einen starken Gegenpol zum Regime gegeben. Mit Zulassung der Solidarność 1980 versammelten sich zehn Millionen Mitglieder in einer freien Gewerkschaft, die kurz zuvor noch gar nicht bestanden hatte. In anderen Ländern habe sich die Bevölkerung hingegen eher zu arrangieren oder – wie in Rumänien – das kommunistische Regime zu ignorieren versucht. In Ungarn und der DDR seien dissidentische Gruppen auf nicht mehr als 50.000 Personen gekommen, die jedoch die Gunst der Stunde nutzten, als die Sowjetunion aufgrund der eigenen ökonomischen Probleme nicht mehr willens und in der Lage gewesen sei, die Satrapien zu stützen. Gescheitert sei das Imperium, dessen Nachwirkungen man bis heute spüre, letztlich daran, dass es ahistorisch gehandelt und gegen die unterschiedlichen Traditionen dieselbe Ideologie in allen Gesellschaften gleichermaßen durchzusetzen versucht habe.
Gab es eine Vernetzung zwischen den oppositionellen Gruppen in den verschiedenen Ländern? Was waren Ziele und Selbstverständnis? Welchen Begriff hatte man von Demokratie? Wie konnte sich Ungarn trotz der Erfahrungen von 1956 und 1989 später in eine antieuropäische und prorussische Richtung entwickeln? Fragen wie diese bestimmten anschließend das Podium. György Dalos berichtete von ungarischen Solidaritätsadressen an die tschechoslowakische Opposition, die 1977 34 Unterschriften bekamen, zwei Jahre später bereits 250, Martin Böttger von einem Treffen in Grenznähe und der Festnahme bei dem Versuch, 1986 als größere Gruppe nach Prag zu fliegen, oder – nach Vorbild der fliegenden Universitäten im Untergrund in Polen – von Philosophieseminaren in der eigenen Wohnung. Die Staatssicherheit sei nicht amüsiert gewesen, als er nach 14 Tagen Haft damit einfach weitergemacht habe. Mut, Zivilcourage und Solidarität seien Eigenschaften, die auch heute zählten. Immer wieder bezogen die Gesprächsteilnehmer ihre Aussagen auch auf die angegriffene Ukraine und die russische Diktatur.
Unsere Bilder, fotografiert im Auftrag des Sächsischen Landtags von Kristin Schmidt und für unseren Lern- und Gedenkort von Robert Schröpfer, zeigen oben Dr. Martin Böttger, György Dalos und Dr. Dirk Dalberg (v.l.) im Podium, außerdem unten György Dalos, Nicole Jassner-Sehning und Dr. Matthias Rößler bei ihren Redebeiträgen, György Dalos beim Eintrag ins Gästebuch, Blicke auf den Büchertisch sowie Dr. Matthias Rößler, György Dalos und Dr. Martin Böttger gemeinsam im Eingangsbereich unseres Lernorts.
Die Veranstaltung war eine Kooperation des Forums Mitteleuropa beim Sächsischen Landtag und des Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis. Wir bedanken uns recht herzlich bei unserem Kooperationspartner und allen Mitwirkenden für die freundliche Zusammenarbeit.







