
Geschlossene Venerologische Stationen bezeichnen einen bislang wenig bekannten Ort von Unrecht in der ehemaligen DDR. In diesen abgetrennten Klinikbereichen wurden zehntausende Mädchen und junge Frauen ab einem Alter von zwölf Jahren für mehrere Wochen zwangseingewiesen. Der Vorwurf lautete, sie würden an einer Geschlechtskrankheit leiden.
Dass dieser Vorwurf in der Mehrheit der Fälle nachweislich nicht den Tatsachen entsprach ist mit der Publikation „Politisierte Medizin“ von Florian Steger und Maximilian Schochow im Jahr 2015 eindeutig belegt. Die beiden Medizinhistoriker konnten anhand von mehreren tausend Akten der ehemaligen Geschlossenen Venerologischen Station in Leipzig-Thonberg klar belegen, dass vielmehr Einweisungsgründe wie „Herumtreiberei“ oder zum Beispiel das Entweichen aus Elternhäusern oder staatlichen Heimen zu einer Zwangseinweisung in eine solche Station führten.
In diesen Stationen waren die Frauen und Mädchen einem rigorosen Straf- und Disziplinierungsregime unterworfen, täglich sexualisierter Gewalt in Form von Genitalabstrichen, die oftmals bewusst brutal durchgeführt wurden, ausgesetzt und von der Gesellschaft komplett abgeschnitten. Möglichkeiten sich zur Wehr zu setzen, die Vorwürfe als unbegründet zurückzuweisen oder sich anderweitig dieser erheblichen körperlich-seelischen Verletzung sowie freiheitsentziehenden Zwangsmaßnahme zu entkommen, gab es nicht.
Bislang sind solcherart Stationen für Halle (Saale), Leipzig und durch die Forschung von Dr. Steffi Brüning auch für Rostock recht gut erforscht, hingegen existieren für andere ehemalige Bezirke der DDR nur spärliche Hinweise und Vermutungen, ebenso für den Bezirk Karl-Marx-Stadt.
Der Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis wird deshalb mehrere Veranstaltungen in den Monaten Oktober und November 2026 anbieten, um einerseits allgemein das Thema der Geschlossenen Venerologischen Stationen in der ehemaligen DDR bekannter zu machen und andererseits nach eigener, mehrmonatiger Archivrecherche neueste wissenschaftliche Erkenntnisse für den Bezirk Karl-Marx-Stadt zu präsentieren.
Das Bild zeigt ein Plakat zur Aufklärung der Bevölkerung um 1950 (Quelle: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Chemnitz, Bestand Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, Signatur 30413-3088).
Veranstaltungen
- Eröffnungsveranstaltung zur Wanderausstellung „Einweisungsgrund: Herumtreiberei“ des Vereins Riebeckstraße 63 e.V. und Geschlossener Jugendwerkhof Torgau: Einführungsvortrag und Podiumsdiskussion mit Evelyn Zupke (Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur), Dr. Nancy Aris (Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur), Dr. Steffi Brüning (Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock), Hannes Schneider (Verein Riebeckstraße 63 e.V.), Juliane Weiß (Geschlossener Jugendwerkhof Torgau), Konstantin Wiesinger (Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis), 15. Oktober 2026, 18 Uhr, Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis. Weitere Informationen und Anmeldung hier.
- Lesung und Gespräch mit Bettina Wilpert zu ihrem Roman „Herumtreiberinnen“, 29. Oktober 2026, 18 Uhr, Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis. Weitere Informationen und Anmeldung hier.
- Vortrag „Junge Mädchen und Frauen isoliert und entrechtet – Geschlossene Venerologische Stationen im ehemaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt“, 05. November 2026, 18 Uhr, Universitätsbibliothek TU Chemnitz, Vortragssaal „Ideenreich“, Straße der Nationen 33, Chemnitz. Weitere Informationen und Anmeldung hier.
- Erzählcafe, 12. November 2026, 18 Uhr, Lila Villa, Kaßbergstraße 22, 09112 Chemnitz. Weitere Informationen und Anmeldung hier.