
Nachdem der Diebstahl am Donnerstag, 24. September, bekannt geworden war und die Chemnitzer Kriminalpolizei am folgenden Tag öffentlich nach Zeuginnen und Zeugen gesucht hatte, wurde bereits am Freitagabend anonym eine Geldbörse als Fundsache bei der Kriminalpolizei abgegeben. Darin befand sich auch das gestohlene Exponat. Der Stoffaufnäher wird derzeit kriminaltechnisch untersucht und soll anschließend an den Lern- und Gedenkort zurückgegeben werden. Die Ermittlungen des Dezernats Staatsschutz zur bislang unbekannten Täterschaft dauern an.
Die Nachricht von der Rückkehr des Exponats hat bei uns große Erleichterung ausgelöst. Zugleich möchten wir uns bei allen bedanken, die unseren Aufruf geteilt, darüber berichtet und damit dazu beigetragen haben, dem Diebstahl innerhalb kürzester Zeit große öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Wir sind sehr glücklich, dass unser Aufruf etwas bewirkt hat und danken allen, die dazu beigetragen haben. Uns ist es wichtig, auch in Zukunft das Vertrauen der Angehörigen in uns zu stärken und unsere Bildungsarbeit, die sich an Schicksalen Einzelner und deren Würdigung orientiert, unverändert fortsetzen zu können“, sagt unser Vorstandsvorsitzender Jürgen Renz.
Besonders groß ist das Aufatmen bei Anja Wartenberg und ihrer Familie, die dem Lern- und Gedenkort das persönliche Erinnerungsstück Ernst Sanders als Leihgabe anvertraut hatten. Mit Ernst Sander waren sie nicht verwandt, aber eng familiär verbunden. Für Anja Wartenberg war er wie ein Großvater. Sie erinnert sich unter anderem an eine gemeinsame Reise nach Theresienstadt, bei der Ernst Sander ihr von seiner Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus erzählte und ihr die Orte seiner Haft zeigte. Über seine Inhaftierung im Kaßberg-Gefängnis hingegen hatte er ihr zu Lebzeiten nichts erzählt. Erst später schloss sich für die Chemnitzerin und heutige Vereinsangehörige dieser Kreis.
„Als wir vom Diebstahl erfahren haben, waren wir einfach nur fassungslos. Wir konnten nicht verstehen, wie jemand ein solches persönliches – und unwiederbringliches – Erinnerungsstück an sich nehmen kann. Das ist uns sehr nahegegangen und unsere Gefühle sind in den vergangenen Tagen Achterbahn gefahren. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass wir den Stern zurückbekommen. Umso erleichterter sind wir jetzt, dass er wieder da ist“, sagt Anja Wartenberg.
Der gelbe Stoffstern stammt aus dem Nachlass von Ernst Sander, der während der nationalsozialistischen Diktatur als Jude verfolgt und auch im Kaßberg-Gefängnis inhaftiert wurde. Gerade solche persönlichen Objekte sind für unsere Bildungs- und Vermittlungsarbeit von besonderer Bedeutung: Sie erzählen nicht abstrakt von Verfolgung und Diktatur, sondern sind unmittelbar mit den Lebensgeschichten einzelner Menschen verbunden. Wir hoffen deshalb sehr, den Stern nach Abschluss der kriminaltechnischen Untersuchungen bald wieder im Lern- und Gedenkort in Empfang nehmen und ausstellen zu können.
© Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V.