
Die Autorin Grit Poppe war heute im Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis zu Gast, um ihr Buch „verschleppt, verbannt, verschwunden – Deutsche Kriegsjugend in Stalins Lagern und Gefängnissen“ vorzustellen. Die Bildungsveranstaltung für Schülerinnen, Schüler und Auszubildende wurde durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.
Grit Poppe beschäftigt sich in ihren Büchern häufig mit den Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Diktaturen – insbesondere mit Menschen, deren Geschichten lange wenig bekannt waren. In „verschleppt, verbannt, verschwunden“, das sie gemeinsam mit ihrem Sohn Niklas Poppe schrieb, werden die Biografien junger Menschen nacherzählt, die in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der frühen DDR vom sowjetischen Geheimdienst NKWD/MGB verhaftet wurden. Es sind Hafterlebnisse Jugendlicher und junger Erwachsener, die unschuldig und oft Jahre in einem sowjetischen Speziallager verbringen mussten und von dort aus in die Sowjetunion in den Gulag verschleppt wurden. Nicht wenige kamen in diesen Lagern um.


Bereits 1945 erfolgten in der SBZ die ersten Verhaftungen durch das NKWD. Auch das ehemalige Kaßberg-Gefängnis war eine Haftstation auf dem oft jahrelangen Leidensweg von Jugendlichen, denen beispielsweise nach Waffenfunden oder durch ihre Teilnahme an Wehrertüchtigungslagern im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft in der Hitlerjugend vorgeworfen wurde, sich als sogenannte Werwölfe betätigt zu haben. Die Vernehmungen waren von körperlicher Gewalt und Einschüchterung geprägt, die Haftbedingungen menschenunwürdig. Viele Gefangene wurden vom Sowjetischen Militärtribunal Nr. 48240 in Chemnitz in rechtsstaatswidrigen Schnellverfahren abgeurteilt und sogar zum Tode verurteilt. Andere wurden ohne Gerichtsprozesse jahrelang in sowjetischen Speziallagern interniert.
Die Auszubildenden erhielten eine Überblicksführung durch die Dauerausstellung des Lern- und Gedenkorts, lernten die Schicksale der hier vom NKWD/MGB politisch Inhaftierten kennen und erfuhren von der Bedeutung des ehemaligen Kaßberg-Gefängnisses als zentraler Ort des deutsch-deutschen Häftlingsfreikaufs. Anschließend stellte Grit Poppe anhand von zwei Biografien die Erfahrungen der deutschen Kriegsjugend in Stalins Lagern und Gefängnissen vor und beantwortete die zahlreichen interessierten Fragen zur Thematik. Wir danken Frau Poppe für ihre spannende und lehrreiche Lesung und ihren Besuch bei uns im Lernort.



© Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V.