Zur Geschichte des Chemnitzer Kaßberg-Gefängnisses

Das Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg wurde 1886 als Königlich-Sächsische Gefangenenanstalt errichtet. Die kreuzförmige Anlage ist als panoptisches System konzipiert; von dem zentralen Rundbau aus konnte das Aufsichtspersonal die drei übereinanderliegenden Zellengalerien in den Flügelbauten beobachten.

Der Zeitraum 1945 - 1989

Nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft nutzten sowjetische Besatzungsbehörden die Anlage und auch hierüber gibt es kaum Kenntnisse. Im Anschluss teilten sich dann das Ministerium des Inneren mit der für den Strafvollzug zuständigen Volkspolizei sowie die Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) den Gefängnisbau. Wann diese Übernahmen durch DDR-Behörden erfolgten, ist derzeit nicht genau bekannt. Spätestens ab 1953 betrieb das MfS eine „U-Haftanstalt II" in der Hartmannstraße 24 und seit 1957 nutzte die MfS-Bezirksverwaltung den Gefängnisanbau auf der Kaßbergstraße 12 als Untersuchungshaftanstalt. Vermutlich im selben Gebäude betrieb bis Ende 1962 die für den Uranbergbau der sowjetisch-deutschen Wismut AG zuständige MfS-Dienststelle „Objektverwaltung W" eine eigene Untersuchungshaftanstalt. Einen kleineren Teil des Gebäudes (damals Dr.-Richard-Sorge-Straße, heute Hohe Straße) nutzte das DDR-Innenministerium als Untersuchungshaftanstalt. Während dieser Zeit entstanden auf dem Gelände einige Neu- und Anbauten.

Das Ministerium für Staatssicherheit nutzte das Kaßberg-Gefängnis einerseits als regionale „Untersuchungshaftanstalt" (der Begriff verschleiert allerdings, dass hier keine polizeiliche oder justizielle Untersuchung erfolgte, sondern von den Gefangenen systematisch Selbstbezichtigungen erpresst wurden) sowie andererseits als zentralen Sammelort zur Abwicklung des Freikaufs politischer Häftlinge aus der DDR. Insbesondere in diesem Zusammenhang ist das Kaßberg-Gefängnis heute deutschlandweit und sogar international bekannt. Denn von 1963 bis 1989 kaufte die Regierung der Bundesrepublik Deutschland mehr als 33.000 politische Häftlinge aus DDR-Gefängnissen frei. Als Gegenleistung erhielt die DDR Warenlieferungen im Wert von mehr als drei Milliarden D-Mark. „Politische" Häftlinge waren dabei all jene, die wegen Kritik an der Partei- und Staatsführung, Fluchtversuchen oder Fluchthilfe sowie wegen tatsächlicher oder vermeintlicher „Spionage" inhaftiert worden waren. Aus Sicht der DDR-Führung waren hauptsächlich zwei Motive ursächlich für die Entscheidung, politische Häftlinge an den Westen zu verkaufen. Zum einen ließen sich mit diesem Handel hohe Erlöse in West-Geld oder -Waren erzielen. Und zum anderen versprach sich die DDR von der vorzeitigen Entlassung und Abschiebung politischer Gegner in den Westen eine Schwächung der Opposition in der DDR.

Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wickelte im Auftrag der SED das MfS die Entlassung der freigekauften Häftlinge über die MfS-Untersuchungshaftanstalt (UHA) der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt ab. Dafür gab es hauptsächlich drei Gründe. Erstens zwangen Baumaßnahmen in der Strafvollzugseinrichtung Berlin II das MfS dazu, ab 1967 auf ein anderes Gefängnis auszuweichen, in dem man die freigekauften Häftlinge sammeln und auf die Entlassung in die DDR oder den Westen vorbereiten konnte. Zweitens war von Karl-Marx-Stadt aus der Transportweg günstig, denn die meisten freigekauften Häftlinge wurden über den Grenzübergang Wartha/ Herleshausen in das Notaufnahmelager im hessischen Gießen gefahren. Und drittens hatte die UHA Karl-Marx-Stadt die erforderliche Größe, um mehrere hundert Häftlinge kurzfristig zusätzlich aufnehmen zu können. Mit Stand vom Oktober 1989 verfügte sie über eine Belegungskapazität von 370 Haftplätzen, fast doppelt so viele wie die zentrale UHA des MfS in Berlin-Hohenschönhausen, die für ca. 200 Insassen ausgelegt war. Damit war das Gebäude in Chemnitz zugleich das größte MfS-Gefängnis überhaupt, keines der anderen 16 Untersuchungsgefängnisse oder die MfS-Haftanstalt in Bautzen reichte an diese Größe heran.

Der Zeitraum 1933 - 1945

So wie auch die Gefängnisse in Hoheneck (Stollberg) und Bautzen wurde auch der Gefängniskomplex auf dem Chemnitzer Kaßberg von den nationalsozialistischen Gewaltherrschern genutzt. Doch welche Behörden der nationalsozialistischen Ordnungs- und Sicherheitspolizei sowie der NS-Justiz das Kaßberg-Gefängnis zu welchen Zwecken genutzt haben, ist derzeit nicht ausreichend erforscht und es gibt kaum mehr Zeitzeugen, die darüber Auskunft geben könnten. Sicher ist, dass während des Nationalsozialismus in dem Gefängnisbau ein Gerichtsgefängnis (Untersuchungshaft) und eine Strafvollzugsanstalt untergebracht waren. Das Chemnitzer Polizeipräsidium mitsamt einem Polizeigefängnis befand sich nicht auf dem Kaßberg, sondern seit November 1931 im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Lokomotiv- und Maschinenfabrik R. Hartmann AG an der Hartmannstraße (heute Sitz der Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge). Dort hatte zuerst auch die 1933 neu geschaffene Gestapo (Geheime Staatspolizei) ihren Dienstsitz und verfügte über eigene Zellen und Vernehmungsräume. In diesem Gebäude sind Misshandlungen und Ermordungen von Gefangenen belegt. Im Zuge des Ausbaus des NS-Machtapparates zog die Gestapo dann von der Hartmannstraße in eine enteignete Villa an der Kaßbergstraße. Dieses Gebäude wurde während der Luftangriffe am 5. März 1945 komplett zerstört.

Ausstellung: Das Kaßberg-Gefängnis in der Reichspogromnacht 1938

Ausstellungseroeffnung

Der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis hat es sich seit 2011 zur Aufgabe gemacht, an eine dunkle Seite der Chemnitzer Geschichte zu erinnern. Auf dem innerstädtischen Kaßberg befand sich seit 1884 ein Gefängnisbau, der in Zeit des sächsischen Königreichs, während der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus sowie in der SBZ und DDR als Haftort diente. Eingesperrt waren hier wechselnde Gefangenenpopulationen. Mal waren es „gewöhnliche Kriminelle", aber auch Gewerkschafter oder Sozialdemokraten. Dann waren es Menschen, die ihr Menschenrecht auf Reisefreiheit oder auf freie Meinungsäußerung in Anspruch genommen und sich damit in Widerspruch zum SED-Regime gebracht hatten. Insbesondere über diejenigen Menschen, die von hier aus im Rahmen des sogenannten ausstellungseroeffnung1„Gefangenenfreikaufs" in den Jahren 1965 bis 1988 von der Bundesrepublik freigekauft worden sind, hat der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis in den vergangenen zwei Jahren vielfach informiert. Das wohl düsterste Kapitel der Geschichte dieses Haftortes war aber die Zeit des Nationalsozialismus. Rasseideologisch oder politisch Verfolgte, Zwangsarbeiter und andere Opfer des NS-Regimes waren hier eingesperrt. Für sie war das Kaßberg-Gefängnis kein „Tor zur Freiheit", sondern vielfach der Beginn eines langen Leidensweges, der oftmals mit der Ermordung endete. Wissen wir über die Geschichte des MfS-Gefängnisses und über die MfS-Gefangenen in Karl-Marx-Stadt schon wenig, so ist unser Kenntnisstand über die Geschehnisse hier von 1933 bis 1945 nochmals geringer. Der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis hat von Anfang an das Ziel verfolgt, diese Ereignisse zu erforschen und bekannt zu machen. Gelegentlich ausstellung_reichspogromnachtdes 75. Jahrestages der Reichspogromnacht erinnert der Verein an dieses bisher vernachlässigte Kapitel der Chemnitzer Geschichte. Denn als das nationalsozialistische Regime im November 1938 im gesamten Deutschen Reich Gewaltmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung organisierte, war das Kaßberg-Gefängnis einer der Chemnitzer Tatorte und Ausgangspunkt für die Verschleppung Hunderter Chemnitzerinnen und Chemnitzer in die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Gemeinsam mit der Berliner Agentur Culture and more hat der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis eine Ausstellung entwickelt, die über den Übergang von der Diskriminierung der jüdischen Chemnitzerinnen und Chemnitzer zur systematischen rasseideologischen Verfolgung berichtet. Dabei steht das Kaßberg-Gefängnis im Zentrum der Erzählung. Besonders bedrückend ist die Tatsache, daß einige der rasseideologisch Verfolgten auch nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes in Chemnitz bzw. Karl-Marx-Stadt keine neue Heimat fanden.Bei den bisherigen Veranstaltungen des Vereins standen die Opfer politischer oder rasseideologischer Verfolgung im Mittelpunkt der Erzählung. Wir wollen aber auch nach den Tätern fragen und wissen, was sie motiviert hat, wer sie waren und was aus ihnen geworden ist. In diesem Zusammenhang war es für uns nochmals bedrückend zu erfahren, daß nach 1945 auch in Chemnitz und der DDR NS-Täter nur unzureichend ermittelt und zur Verantwortung gezogen worden sind. Die Ausstellung wurde kuratiert von der Berliner Geschichtsagentur Culture and more. Dr. Christian Schölzel hatte bereits gemeinsam mit der Agentur Freybeuter unseren Ausstellungsbus mit der kleinen Ausstellung über den Haftort Chemnitz-Kaßberg gestaltet. Mit der nun vorzustellenden Ausstellung präsentiert der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis zum zweiten Mal eine Ausstellung am und über den historischen Ort Kaßberg-Gefängnis.Die Ausstellung ist ab Dienstag, den 12. November 2013 im Foyer des Justizzentrums Chemnitz (Gerichtsstraße 2, 09112 Chemnitz) für die Öffentlichkeit zugänglich und kann im Anschluss unentgeltlich beim Verein ausgeliehen werden.

(s.a. Medienecho)