Mrazek, Falk

Falk Mrazek (links im Bild) zur Museumsnacht 2017                                      Aufnahme in seiner früheren Zelle               

Kurzbiografie des Zeitzeugen:

Falk Mrazeks bewegendes Leben führte ihn bis in die USA. Heute lebt er in Denver. Über seinen Freund und Vorstandsmitglied des Vereins Volker Bausch erfuhr er von der Museumsnacht. Im Mai 2017 reiste er zu diesem Anlass nach Chemnitz, um sich das Kaßberg-Gefängnis nach fast 40 Jahren anzuschauen. Der folgende Text stammt von ihm.

„Die DDR war nicht nur Sandmännchen und Pittiplatsch ...“

Fünf Monate vor meiner Entlassung wurde ich vom Strafvollzug Bitterfeld nach Karl-Marx-Stadt ins Stasi-Gefängnis Kaßberg gebracht. Das war am 6. Juni 1979. Bis zum letzten Tag ließ man mich im Ungewissen, wo ich war und warum. Bis zu dem Tag, als morgens plötzlich die Zellentür aufgeschlossen wurde. Ich wurde in ein Dienstzimmer gebracht, wo mir ein offenbar hochrangiger Stasi-Offizier erklärte, ich würde heute in den Westen abgeschoben.

Auf dem Gefängnishof wartete schon ein Bus. Dort stieg ich ein. Mit mir waren es etwa 50 Frauen und Männer, die den Weg in die Freiheit antreten durften. Dr. Wolfgang Vogel, der von der DDR-Regierung für den Häftlingsfreikauf beauftragt war, gratulierte uns im Bus zu unserer Freilassung. Er begleitete uns in seinem Mercedes über die A4 bis zum Grenzübergang Wartha/Herleshausen. Den passierten wir am 20. Juni 1979 gegen 17 Uhr: Ich war im Westen und ich war frei! Nach dreieinhalb Jahren harten Kampfs um diese Freiheit.

Das erste Ausweisfoto in der Bundesrepublik 1979

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich im DDR-Bezirk Dresden zwischen Bautzen, Bischofswerda, Radeberg und Dresden. Mein Geburtsort ist Radeberg. Dort kam ich am 27. November 1960 in der Geburtsklinik „Storchennest“ zur Welt. Aufgewachsen bin ich in Bischofswerda, dem „Tor zur Oberlausitz“, damals Kreisstadt. Dort besuchte ich auch von 1967 bis 1977 die Polytechnische Oberschule „Otto Buchwitz“, wie sie von 1971 und bis zur Wende hieß. Meine Eltern stellten im November 1975 einen Antrag auf Familienzusammenführung und Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR. Damals war ich 15. Bis dahin verlief mein Leben wie viele in der DDR der 60er und 70er Jahre. Schuleinführung, Jung- und Thälmann-Pioniere, 1974 FDJ-Beitritt und im Jahr danach Jugendweihe. Ich spielte Fußball im Verein BSG “Fortschritt Bischofswerda“.

Ich lief überall mit ohne besonders begeistert vom Sozialismus zu sein, der den Teil Deutschlands beherrschte, in dem ich leben musste. Je älter ich wurde, desto stärker nahm ich aber den Widerspruch zwischen verkündeter Theorie (Der Sozialismus siegt) und erlebter Realität wahr (Der Sozialismus siecht). Ich fragte mich, warum die Bürger im Arbeiter- und Bauernparadies der DDR gewaltsam eingesperrt werden mussten, während die Bürger aus den angeblich so schlimmen kapitalistischen Ausbeuter-Verhältnissen, wie meine beiden Onkel aus Köln und Westberlin, jedes Jahr in die DDR kamen und freiwillig wieder zurückfuhren. Warum durfte ich nie ans Mittelmeer oder den Eiffelturm sehen? Solche Fragen und Gedanke brachte ich dann auch im Staatsbürgerkunde- oder Geschichtsunterricht zur Sprache, was mir keinesfalls das Wohlwollen des regimetreuen Lehrkörpers eintrug.

Die Situation eskalierte dann mit dem Antrag meiner Eltern. In der Schule fragte mich der Direktor, ob ich auch in den Westen wolle. Als ich bejahte, war es aus mit der Sympathie. Trotz besten Notendurchschnitts durfte ich nicht auf die Erweiterte Oberschule und damit war mir auch der Zugang zum Studium verwehrt. Man ließ uns in der DDR nicht mehr normal leben, ließ uns aber auch nicht gehen…

Falk Mrazek im Sommer 1978 kurz vor seinem Fluchtversuch

Ein Jahr nach Beendigung der Schule und drei Jahre nach unserer Antragstellung unternahm ich als knapp 18jähriger am 14. September 1978 einen demonstrativen Fluchtversuch in Berlin am Brandenburger Tor. Ich wollte damit zeigen, dass ich entschlossen bin, die DDR unter allen Umständen zu verlassen. Es folgte U-Haft in der Berliner Keibelstraße mit Einzelhaft und nächtlichen Verhören. Dann der Transport mit dem „Grotewohl-Express“ nach Dresden in die Schießgasse und Verurteilung am Kreisgericht Bischofswerda wegen „Versuchter Republikflucht“ und gewaltsamer Grenzverletzung (§§213, 214) zu einem Jahr und zwei Monaten Freiheitsentzug. Im Wesentlichen saß ich die ab Ende Dezember ’78 im Strafvollzug Bitterfeld ab. Dort wurde ich zunächst im Innenkommando eingesetzt. Ich musste während des extrem kalten Winters 1978/79 unter freiem Himmel Eisenbahnschwellen hin- und herschleppen. Später kam ich ins Außenkommando und arbeitet im Chemiekombinat Bitterfeld unter lebensgefährlichen Bedingungen mit täglichen Arbeitsunfällen bis Anfang Juni.

Der Eingang seiner früheren Arbeitsstelle in Bitterfeld

Nachdem ich dann vom Kaßberg aus in den Westen ausreisen durfte, folgte ein kurzer Aufenthalt im Notaufnahmelager Gießen. Von dort aus führte mich mein Weg nach Köln, wo meine Eltern und mein Bruder schon eine Wohnung besorgt hatten. Sie durften Anfang Mai in den Westen ausreisen. Meine Aktion am Brandenburger Tor hatte auch die Bearbeitung ihres Antrags beschleunigt. Von August 1979 bis Juni 1982 besuchte ich das Gymnasium in Köln-Porz-Zündorf und machte mein Abitur. Es folgte der Bund und Dienst bei der Luftwaffe in Köln-Wahn. Danach hatte ich 1984 das große Glück, in Dortmund einen der begehrten Studienplätz für Journalistik zu ergattern. Dort studierte ich bis 1991. Im letzten Studienjahr eröffnete sich mir die einmalige Chance, die Sächsische Zeitung während der Wende bei ihrem Wandel vom SED-Bezirksorgan Dresden zu einer Tageszeitung unter marktwirtschaftlichen Bedingungen zu begleiten. Darüber schrieb ich meine Diplomarbeit.

Während und nach meinem Studium arbeitete ich einige Jahre als freier Mitarbeiter für Zeitungen, Radio und Fernsehen. Seit Mitte der 1990er Jahre bin ich festangestellter Redakteur und Reporter. Zwischendurch lebte ich mit meiner Frau einige Jahre in den USA, Denver, Colorado. Wir arbeiteten dort für das Auswärtige Amt.

Bei der Museumsnacht 2017 kehrte ich nach 38 Jahren zum ersten Mal zum Kaßberg zurück. Ich war als Zeitzeuge eingeladen und überrascht vom riesigen Besucherandrang und dem großen Interesse gerade junger Leute, die offenbar wenig über diese Zeit und diese Seite der DDR wissen. Nun möchte ich, dass die Menschen sich erinnern und nie vergessen, die DDR war nicht nur Sandmännchen und Pittiplatsch…