
Am 12. Mai 2026 begrüßten wir die Botschafterin der Republik Lettland, Alda Vanaga, die in Begleitung der Projektleiterin Kultur der lettischen Botschaft, Magone Runka, unseren Lern- und Gedenkort besuchte. Unser Vereinsvorsitzender Jürgen Renz begleitete sie durch die Dauerausstellung und informierte über die historische Bedeutung des ehemaligen Kaßberg-Gefängnisses als zentraler Ort des deutsch-deutschen Häftlingsfreikaufs. Der Besuch war geprägt von einem intensiven Austausch über die gemeinsame Erfahrung bei der Überwindung von Diktaturen und die Bedeutung von Erinnerungskultur.
Als Botschafterin steht Frau Vanaga für den Austausch und das gegenseitige Verständnis. Sie zog viele Parallelen zwischen der lettischen und der deutsch-deutschen Geschichte. Als Schülerin besuchte sie in den 1980er-Jahren erstmals die DDR und hat ihre Liebe zur deutschen Sprache bis zum heutigen Tag erhalten und weiterentwickelt. Beim Rundgang durch die Dauerausstellung im Themenbereich der NKWD-Haft wurden die Anknüpfungspunkte zu politischen Repressionserfahrungen in der eigenen Familiengeschichte der Botschafterin deutlich: Frau Vanagas Urgroßeltern waren lettische Bauern und verweigerten es, sich in der Sowjetunion einer Kolchose anzuschließen. Als Konsequenz folgte die Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst KGB. Während sich der Großvater verstecken konnte, kamen die Urgroßeltern im Gulag um.

Ein weiteres zentrales Thema des Gesprächs war der gewaltlose Widerstand gegen die Diktaturen im östlichen Europa. Ausgehend von der biografischen Zelle unserer Zeitzeugin Elke Schlegel berichtete Alda Vanaga vom „Baltischen Weg“, der historischen Menschenkette von 1989, und stellte Bezüge zum Widerstand des „Weißen Kreises“ in Jena her. Unter anderem für ihr Mitwirken in der Jenaer Ausreisebewegung wurde Frau Schlegel inhaftiert und später vom Kaßberg aus durch die Bundesrepublik freigekauft. Diese Verknüpfung verdeutlichte einmal mehr, wie eng die Freiheitsbestrebungen in den verschiedenen Ländern des ehemaligen Ostblocks miteinander verwoben waren.

Zum Abschluss ihres Besuchs trug sich die Botschafterin in das Gästebuch des Lernorts ein. Sie betonte die Notwendigkeit, die Geschichte zu kennen, um die Zukunft verantwortungsvoll gestalten zu können. Demokratie und Freiheit, so Vanaga, seien die Werte, für die es sich lohne, jeden Tag einzustehen. Wir danken der Botschafterin herzlich für ihr Interesse und den wertvollen Austausch.


© Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V.