
Als Einstieg in die Sommerferien empfehlen wir unseren jährlichen Projekttag zu „Flucht und Ausreise aus der DDR“. Das außerschulische Bildungsangebot umfasst einen partizipativen Einstieg in die Thematik, die Vorführung des Films „Ballon“ und ein anschließendes Zeitzeugengespräch. Gestern, am 2. Juli 2026, durften wir mit diesem Format zwei interessierte Schulklassen begrüßen.

Kurz vor neun Uhr waren die Sitze im Chemnitzer Kino „Weltecho“ noch leer. Kurz danach nahmen über 50 Schülerinnen und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Limbach-Oberfrohna und der Oberschule Altendorf sowie ihre Lehrkräfte und Begleitpersonen darin Platz.
Unsere wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Kristina Hahn und Ariane Zabel führten mit verschiedenen Fragen interaktiv in die Thematik ein: Stellt euch vor, ihr dürftet in diesen Sommerferien nicht in den Urlaub nach Italien oder Schweden – wie fändet ihr das? Die Jugendlichen stimmten über Fakten und Mythen zu Fluchtversuchen ab und sollten am Ende überlegen, ob sie selbst in der DDR einen „ungesetzlichen Grenzübertritt“ gewagt hätten. Das Ergebnis war eindeutig: nur drei Personen zogen einen Fluchtversuch für sich in Betracht.
Anschließend schauten wir gemeinsam „Ballon“. Der fesselnde Film aus der Produktion von Michael Herbig beruht auf einer wahren Geschichte: Mit einem selbstgebauten Heißluftballon gelang am 16. September 1979 den Familien Strelzyk und Wetzel aus dem thüringischen Pößneck die Flucht über die innerdeutsche Grenze aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Der damals 23-jährige Günter Wetzel kam auf diese tollkühne Idee. Ohne jemals einen Bauplan für eine solche Konstruktion gesehen zu haben, berechnete und konstruierte Wetzel das Gefährt. Tausende Quadratmeter Stoff wurden wochenlang vernäht. Die beiden Familien benötigten insgesamt drei Versuche, bis sie einen Heißluftballon fertiggestellt hatten, der acht Personen trug. Das MfS war ihnen bereits dicht auf den Fersen, doch die Flucht gelang: In einem Wald in Naila landeten sie auf bundesdeutschem Boden. Die gelungene Flucht sorgte nicht nur in der Bundesrepublik, sondern weltweit für Schlagzeilen – und blamierte die DDR gleichzeitig. Dies war für das Ministerium für Staatssicherheit übrigens Motivation, die beiden Familien auch noch im Westen zu überwachen und mehrere Inoffizielle Mitarbeiter (IM) auf sie anzusetzen.
Zeitzeuge Günter Wetzel, der derzeitig in Chemnitz lebt, war nach der Filmvorführung zu Gast und berichtete über die inzwischen legendäre historische Fluchtaktion. Die Schülerinnen und Schüler hatten die seltene Möglichkeit, mit dem Protagonisten des Films ins Gespräch zu kommen und fragten nicht nur nach technischen und logistischen Details, sondern auch nach den Gefühlen, die mit dem riskanten Fluchtaktion verbunden waren.

Wer sich näher informieren möchte, kann Günter Wetzels Homepage besuchen. Wir danken Günter Wetzel für den spannenden Einblick in seine Fluchtgeschichte und wünschen allen Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern eine schöne Ferienzeit!
© Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V.