
Unser Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis ist nicht nur ein zentraler Ort der Erinnerung an den deutsch-deutschen Häftlingsfreikauf, sondern auch ein Ort besonderer Begegnungen. Am Montag besuchten uns Bernd Kretzschmar und Hermann Brudner. Als Zeitzeugen erster und zweiter Generation haben sie ganz unterschiedliche Bezüge zum Kaßberg-Gefängnis. Zugleich verbindet sie eine gemeinsame Familiengeschichte: Die beiden sind Cousins.
Hermann Brudner ist der Sohn des Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Kaßberg-Gefangenen Max Brudner, dem in unserer Dauerausstellung im dritten Obergeschoss ein biografischer Ausstellungsbereich gewidmet ist. 1938 wurde Max Brudner als „politisch unzuverlässiger Jude“ ohne Urteil im Kaßberg-Gefängnis inhaftiert und anschließend in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Nach Jahren der Inhaftierung wurden Max Brudner und seine Schwester Margarete 1945 von der Roten Armee befreit, ihre Angehörigen überlebten die Verfolgung jedoch nicht. In der DDR setzte sich Max Brudner für die Erinnerung an den Holocaust ein und trat bei Prozessen gegen NS-Täter als Zeuge auf. Er verstarb 1971 in Karl-Marx-Stadt. Sein Sohn Hermann Brudner übernimmt nun als Zeitzeuge zweiter Generation die Erinnerungsarbeit und hat unserem Lernort umfangreiche Materialien zur Verfügung gestellt.
Bernd Kretzschmar ist eine der rund 30.000 Personen, die von der Bundesrepublik freigekauft wurden und ihre Freikaufhaft im ehemaligen Kaßberg-Gefängnis verbrachten. Er stellte ab 1974 in Karl-Marx-Stadt sechs Anträge auf Ausreise aus der DDR, die erfolglos blieben. Also protestierte er öffentlich für sein Recht auf Ausreise: Mit einem Plakat mit der Aufschrift „Helsinkier Schlussakte – Unterschrift ja, Einhaltung nein. Ich fordere die Ausreise in die Bundesrepublik“ lief er im März 1977 von Siegmar in Richtung Stadtzentrum. Bereits nach etwa zehn Minuten wurde er verhaftet. Bernd Kretzschmar wurde wegen „Sammlung von Nachrichten“, „staatsfeindlicher Hetze“ und „Beleidigung von Staatspersonen“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach der Untersuchungshaft im Kaßberg-Gefängnis und dem Strafvollzug in Cottbus und Brandenburg wurde er im September 1978 im Rahmen des Häftlingsfreikaufs aus der DDR entlassen und gelangte in die Bundesrepublik.


Unsere Fotos zeigen links Hermann Brudner in der Dauerausstellung unseres Lernorts im früheren Hafttrakt B. Auf dem rechten Foto ist Bernd Kretzschmar zu sehen, der im biografischen Ausstellungsbereich vor genau jener Zelle steht, in der er 1978 auf seinen Freikauf wartete.
Bernd Kretzschmar besichtigte bei seinem Besuch unser sogenanntes Freikauf-Archiv, in dem sich auch sein „Mielke-Beurteilungsbogen“ befindet. In dem extra eingerichteten Rechercheraum im 1. Obergeschoss der Gedenkstätte werden personenbezogene „Beurteilungsbögen“ aus den Akten vom Bundesarchiv/Stasi-Unterlagen-Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein solcher „Mielke-Bogen“ umfasste etwa ein bis drei DIN-A4-Seiten und enthielt die persönlichen Daten der betreffenden Person und eine Erläuterung der „Fallgeschichte“ sowie das Datum des Freikaufs. Er wurde von Erich Mielke selbst gegengezeichnet. Das offen zugängliche Archiv wächst stetig. Perspektivisch sollen hier die Namen und „Beurteilungsbögen“ von mehr als 30.000 freigekauften politischen Häftlingen zugänglich werden – vorausgesetzt, die Betroffenen haben der Veröffentlichung zugestimmt. Für Besucherinnen und Besucher wird die Dimension des Häftlingsfreikaufs sichtbar: Hinter den großen Zahlen stehen zehntausende individuelle Haft- und Lebensgeschichten.
© Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V. / Volker Kreidler