
In der Dauerausstellung unseres Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis hat sich ein Vorfall ereignet, der den Trägerverein, das Gedenkstätten-Team und vor allem unsere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen tief betroffen hinterlässt: im gesamten Ausstellungsbereich zur NS-Diktatur sind Manipulationsversuche erkennbar. Offenbar wurde versucht, mehrere Ausstellungsobjekte zu entwenden – leider zum Teil erfolgreich: aus dem Kontextbereich zur NS-Diktatur wurde unter anderem ein „Judenstern“ samt Rahmung gestohlen. Das Exponat hat nicht nur einen erinnerungskulturellen und historischen Wert, sondern vor allem eine unschätzbare persönliche Bedeutung. Es handelt sich um ein Original aus dem Nachlass von Ernst Sander, der in der Zeit des Nationalsozialismus wegen seiner jüdischen Herkunft im Kaßberg-Gefängnis inhaftiert war und über dessen Schicksal in der Dauerausstellung unseres Lernorts im früheren Hafttrakt B berichtet wird.
Der sogenannte Judenstern – umgangssprachlich auch als „Gelber Stern“ bezeichnet – war ein vom nationalsozialistischen Regime am 19. September 1941 durch Polizeiverordnung eingeführtes öffentliches Zwangskennzeichen für alle Personen im Alter von über sechs Jahren, die nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als Jüdinnen und Juden galten.
Hermann Brudner, der Sohn des Holocaust-Überlebenden Max Brudner, dem in unserer Dauerausstellung im dritten Obergeschoss ein biografischer Ausstellungsbereich gewidmet ist, ist über den Vorfall entsetzt. Sein Vater wurde 1938 ohne Urteil im Kaßberg-Gefängnis inhaftiert und anschließend in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. „Als Zeitzeuge zweiter Generation und als Mensch mit demokratischen Werten kann ich eine solche Handlung nicht verstehen“, sagt Hermann Brudner. „Handelt es sich um eine Trophäenjagd?“
„Jedes unserer Objekte steht mindestens symbolisch für einen Leidensweg“, sagt Hanka Kliese, die im Vorstand unseres Trägervereins ist und sich von Beginn an für den Erhalt des historischen Gebäudekomplexes und das Gedenkstättenprojekt außerordentlich engagiert hat. „Wer einen „Judenstern“ entfernt, aus welchem Grund auch immer, rührt am Andenken an die Opfer der Shoah. Gerade weil die Sensibilität für die persönlichen Schicksale ermordeter Juden geringer wird, werden wir an unserem Lernort weiterhin zeigen, was Menschen durchlitten haben – auch mit Objekten im Rahmen der Ausstellung.“
Unsere wissenschaftliche Leiterin Dr. Steffi Lehmann bittet um Unterstützung, um den Verbleib des „Judensterns“ zu klären. „Wir wollen dieses wertvolle Exponat zurückbekommen. Es hat eine besondere Bedeutung für unsere Dauerausstellung, in der Menschen ihre Würde wiederbekommen sollen, denen eine Diktatur versucht hat, diese Würde zu nehmen. Der Diebstahl ist deshalb ein unwürdiger Angriff auf unsere Erinnerungskultur. In Zeiten, in denen die Demokratie unter Druck steht, ist es umso wichtiger, als Erinnerungsort Zeichen zu setzen.“
Der Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis hat eine Strafanzeige mit Hinweis auf eine politisch motivierte Straftat gestellt. Wenn Sie etwas beobachtet haben und sachdienliche Hinweise geben können, melden Sie sich bitte bei der Polizei oder im Lernort unter der Telefonnummer 0371 5248 6880 oder per E-Mail unter info@gedenkort-kassberg.de.
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