
Rund 90 Besucherinnen und Besucher fanden sich am Dienstagabend in unserem Lernort ein, um zu erfahren, wie das SED-Regime und die DDR-Gesellschaft auf unangepasste Punk-Frauen reagiert hatten. Schauplatz der multimedialen Lesung mit den Zeitzeuginnen Kim und Inka – so lauten ihre Punknamen – sowie Buchautor Geralf Pochop war der ehemalige Hafttrakt B des Kaßberg-Gefängnisses, der seit 1966 der zentrale Abwicklungsort des deutsch-deutschen Häftlingsfreikaufs war.


Auch Kim und Inka, beide aus dem damaligen Karl-Marx-Stadt, waren in einer dieser Zellen inhaftiert. Sie berichteten persönlich aus ihrer Jugend, während weitere Frauen über Tonaufnahmen zu Wort kamen. Ein bewegender Abend, an dem Schwere und Leichtigkeit, Humor und Tränen in einem ständigen Wechselspiel standen – intensiv und mutig, so wie die Punk-Frauen.
23 Frauen berichten im Buch „Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen in der DDR“ über ihre Erfahrungen mit Repression, Haft und Jugendwerkhöfen und über die bis heute spürbaren Folgen. Der Autor Geralf Pochop – selbst Punkmusiker und politisch Verfolgter – hat seine damaligen Weggefährtinnen ermutigt, die weibliche Seite der Punkbewegung in der DDR sichtbar zu machen.


Der unbändige Drang nach Freiheit und Selbstverwirklichung führte für einige Frauen zu schwersten Erniedrigungen und Gewalterfahrungen durch Polizei und Sicherheitskräfte. Dennoch gab es auf die Abschlussfrage von Moderatorin Ulrike Geisler, warum sich die jungen Frauen angesichts der Repressalien nicht dazu entschlossen, sich einzufügen und anzupassen, sich den Iro einfach abzuschneiden, eine klare Antwort: „Weil das wir waren! Es ging nicht anders.“
Das MfS bezeichnete Kim damals als „Punk-Inspirator einer negativ-dekadenten jugendlichen Vereinigung“ und setzte eine „Operative Personenkontrolle“ in Gang. Es war ein mutiger Akt der Emanzipation und ein eindrucksvolles Highlight der Veranstaltung, als Kim den Hafttrakt nun neu für sich eroberte und – gekleidet in ihre originale Lederjacke – hier den Titel „Out here on my own“ sang.


Möglich wurde die Veranstaltung durch eine Kooperation der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung sowie der Volkshochschule Chemnitz mit dem Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis.
© Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V.