Wismut-Reihe: Rainer Karlsch über ostdeutschen Uranbergbau und sowjetische Geheimdienste

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Der Berliner Wirtschaftshistoriker und Wismut-Experte Dr. Rainer Karlsch war am Donnerstagabend in unserem Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis zu Gast. Zwei Dutzend Besucherinnen und Besucher waren gekommen, um seinen Vortrag „,In Feindesland‘ – Sowjetische Geheimdienste bei der Wismut AG 1947 bis 1953“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Chemnitzer Wismut-Netzwerks an historischem Ort zu hören. Das Kaßberg-Gefängnis war in der kommunistischen Zeit später nicht nur zentraler Abwicklungsort des Häftlingsfreikaufs aus der DDR. Auch als wichtigster Haftort in Zusammenhang mit der Wismut, Hauptlieferant von Uran für sowjetische Atombomben, in der Sowjetischen Besatzungszone und den darauffolgenden Jahren der DDR spielte es eine besondere Rolle.

In gut einer Stunde und der anschließenden Diskussion beleuchtete der Referent, beginnend mit der Suche nach Uranvorkommen im gesamten sowjetischen Herrschaftsbereich, titelgemäß vor allem die Anfangsjahre bis hin zur Umwandlung der Wismut zum Jahreswechsel 1953/54 in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem ostdeutschen Regime. Jahre vor Herausbildung einer teilweise privilegierten Stammbelegschaft, die geprägt waren vom dringenden Bedarf an geeignetem Uranerz, wenn die Sowjetunion Atommacht werden wollte, und gleichzeitig vom Misstrauen der Besatzungsmacht gegenüber Belegschaft und Bevölkerung im Land des vormaligen Kriegsgegners, aber auch gegenüber den eigenen Leuten.

Ein wichtiges Datum, so Karlsch, markierte auch in diesem Punkt die Wismut-Gründung im Mai 1947. Hatte die Besatzungsmacht beziehungsweise der zuständige Geheimdienst zuvor beim Aufbau des ostdeutschen Uranbergbaus noch im Gulag erprobte Zwangsmaßnahmen angestrebt, setzte sie nach Einwänden deutscher Gewerkschafter nun auf einen „Sozialkompromiss“, um ihre Ziele zu erreichen. Anreize wie Prämien bei Normübererfüllung, Erholungsurlaub und bessere Versorgung wurden geschaffen. Ein Weg, wie Karlsch deutlich machte, der den Uranbergbau in Ostdeutschland von dem mit Strafgefangenen in Jachymov auf der tschechischen Seite des Erzgebirges oder vom Bergbau in der Sowjetunion selbst unterschied.

Konstanten blieben aber auch bei der Wismut – nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche – Misstrauen, Überwachung und Repression. Der hohe Arbeitskräftebedarf – 1947 waren 20.000, 1949 mehr als 100.000 Mitarbeiter beschäftigt – wurde in großen Teilen durch Zwangsrekrutierungen von Arbeitslosen nach Kontrollratsbefehl Nr. 3 gedeckt. Arbeitsverwaltungen griffen auf Flüchtlinge zurück. Selbst Unternehmen wie Carl Zeiss in Jena wurden gezwungen, bis zu einem Drittel ihrer Belegschaften freizusetzen, damit diese anschließend zwangsverpflichtet werden konnten. Sogenannte Deserteure wurden von einer deutschen Bergpolizei aufgegriffen, Schachtunfälle vielfach auf angebliche Sabotage statt unzureichende technische Mittel, mangelnden Arbeitsschutz und Erfahrung zurückgeführt. Strafmaße waren drakonisch. Besonders beklemmend: Zwischen 1951 und 1953 wurden Karlsch zufolge 69 Todesurteile in Zusammenhang mit der Wismut ausgesprochen.

Unsere Bilder, fotografiert von Robert Schröpfer, zeigen oben Dr. Rainer Karlsch bei seinem Vortrag, außerdem unten Eindrücke aus der Diskussion und unsere wissenschaftliche Leiterin Dr. Steffi Lehmann bei der Begrüßung.

Der Vortrag fand im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe des Chemnitzer Wismut-Netzwerks statt. Er wurde mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes und unterstützt von der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Dafür danken wir recht herzlich!

+++ Update: Das Sachsen-Fernsehen berichtet in Zusammenhang mit dem Vortrag von Dr. Rainer Karlsch ausführlich über den Kaßberg und die Wismut. Den Beitrag von Redakteur Sascha Deß und Kameramann Jannik Lang finden Sie hier. +++

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