
Am heutigen Tag begrüßten wir rund 30 Mitglieder der Vereinigung der Opfer des Stalinismus in Sachsen-Anhalt e. V. (VOS) in unserem Lernort. Auf den Tag genau vor einem Jahr, am 22. September 2025, war die Landesgruppe bereits bei uns zu Gast gewesen. Auch den erneuten Besuch hatte der stellvertretende Vorsitzende der VOS Sachsen-Anhalt, Wolfgang Bischoff, organisiert. Dieses Mal nahm sich die Gruppe besonders viel Zeit, um unsere Dauerausstellung im ehemaligen Hafttrakt B zu besichtigen.


Nicht nur Wolfgang Bischoffs eigene Biografie, sondern auch die seines Vaters Ernst Bischoff ist auf einschneidende – und sehr unterschiedliche – Weise mit dem Kaßberg-Gefängnis verbunden. Wolfgang Bischoff geriet in den 1970er-Jahren infolge mehrerer Ausreiseanträge in Konflikt mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Nachdem auch bundesdeutsche Medien über seinen Fall berichtet hatten, wurde er im Januar 1977 in Magdeburg verhaftet und in der dortigen MfS-Untersuchungshaftanstalt am Moritzplatz inhaftiert. Im August 1977 wurde er wegen angeblicher „staatsfeindlicher Hetze“ zu zwei Jahren Freiheitsentzug verurteilt und zum Strafvollzug nach Cottbus gebracht. Im Mai 1978 wurde er im Rahmen des Häftlingsfreikaufs über das Kaßberg-Gefängnis in die Bundesrepublik entlassen. „Der Kaßberg war für mich eigentlich in angenehmer Erinnerung“, beschreibt Wolfgang Bischoff rückblickend sein damaliges Verhältnis zu diesem Ort. Schließlich stand der Kaßberg für ihn für das Ende seiner politischen Haft und den Beginn eines neuen Lebens in Freiheit.
Nach dem Ende der DDR erfuhr Bischoff, dass der Kaßberg noch auf eine ganz andere Weise mit seiner Familiengeschichte verbunden war. Sein Vater Ernst Bischoff, Schlosser im Uranbergbau der SAG Wismut, war 1951 wegen angeblicher Spionage verhaftet, nach Chemnitz gebracht und hier von einem Sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt worden. Jahrzehntelang hatte die Familie nicht gewusst, was mit ihm geschehen war. Mit diesem Wissen veränderte sich für Wolfgang Bischoff die Bedeutung des Kaßbergs – und die dazugehörigen Daten offenbaren eine bedrückende Parallelität: Am 31. Mai 1951 wurde sein Vater auf dem Kaßberg zum Tode verurteilt. Auf den Tag genau 27 Jahre später, am 31. Mai 1978, führte Wolfgang Bischoffs eigener Weg von hier in die Freiheit. Ernst Bischoff wurde am 24. Juli 1951 in Moskau erschossen – am sechsten Geburtstag seines Sohnes Wolfgang und am achten Hochzeitstag seiner Eltern. So verbinden sich in Wolfgang Bischoffs Biografie mit demselben Ort zwei denkbar gegensätzliche Erfahrungen politischer Verfolgung in der DDR.

Diese außergewöhnliche Familiengeschichte ist nun auch Teil der zweiteiligen ZDFinfo-Dokumentation über die Wismut mit dem Titel „Tödliches Erbe der DDR – Deutsches Uran für Moskaus Bomben“ von den Filmemachern Stephan Heise und Sebastian Scherrer. Für sein Zeitzeugeninterview kehrte Wolfgang Bischoff im Mai 2025 an den historischen Ort zurück: Die Filmsequenz wurde in unserem Lern- und Gedenkort im ehemaligen Hafttrakt B aufgezeichnet. Im ersten Teil „Erz um jeden Preis“ kommt Wolfgang Bischoff zu Wort und berichtet über die Geschichte seines Vaters und die Folgen, die dessen Verfolgung für die Familie hatte. Die Dokumentation ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.


Wir danken den Mitgliedern der VOS Sachsen-Anhalt für ihren erneuten Besuch und den intensiven Austausch – und Wolfgang Bischoff dafür, dass er seine eigene Geschichte und die seines Vaters mit uns und unseren Besucherinnen und Besuchern teilt.
© Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V.