
Mehr als 40 Besucherinnen und Besucher, darunter zahlreiche Studierende, waren gestern Abend in unseren Lernort gekommen, um bei einer Vortragsveranstaltung mit Dr. Gerhard Gnauck dabei zu sein. Unter dem Titel „Stasi – Gorbi – Selenskij: Warum es sich lohnt, den ,Osten‘ zu entdecken“ spannte der Osteuropa-Historiker und frühere Polen- und Ukraine-Korrespondent von Welt und FAZ einen Bogen vom Beginn der 1980er-Jahre, die er als Sohn deutsch-polnischer, in der Menschenrechtsarbeit engagierter Eltern in der Bundesrepublik erlebte, über sein West-Berliner Studium in Umbruchzeiten mit Aufenthalten in Ost-Berlin, Polen und der damaligen Sowjetunion bis hin zum Berufsleben als Journalist und Wissenschaftler. In Kyjiw erlebte Gnauck den Beginn der russischen Vollinvasion am 24. Februar 2022 mit, aktuell befasst er sich in einem deutsch-ukrainischen Forschungsprojekt mit dem Holodomor, der von Stalins Politik ausgelösten Hungersnot in der Ukraine 1932/33.
Im Zentrum des Abends, umrahmt von Filmausschnitten, standen persönliche Begegnungen, mit denen sich für Gerhard Gnauck entscheidende Fragen und Rückschlüsse verknüpften. Der polnische Sicherheitsdienst etwa unterzog den Westtouristen – wie Gnauck berichtete – bei seinem ersten Breslau-Aufenthalt 1985 einem Verhör, das für den jungen Mann folgenlos endete. In einer polnischen Untergrundzeitschrift las er wenig später von einem einheimischen Altersgenossen, der in derselben Zeit ebenfalls in Breslau verhaftet worden war und dem die Geheimpolizisten die Finger mit einer Schublade malträtiert hatten. Warum, habe er damals gedacht, geht ein Staat mit uns Westlern, die wir doch seine Klassenfeinde sind, pfleglicher um als mit seinen eigenen Bürgern? Auch für den Krieg im Donbas ab 2014 habe man im Westen erst stärkere Beachtung aufgebracht, nachdem beim Abschuss der Passagiermaschine MH17 Ausländer in großer Zahl zu Tode gekommen waren.
Breiten Raum nahm die von Prof. Dr. Alexander Gallus moderierte Publikumsrunde ein. Wie beurteile er, so wollten Besucherinnen und Besucher wissen, die gegenwärtige Situation in der Ukraine? Wie schätze er in Polen das Patt zwischen nationalkonservativem Präsidenten und liberaler Regierung ein? Welche Rolle spielten geschichtspolitische Symbole im russischen Krieg? Teile er Vergleiche des aktuellen sogenannten Friedensplans mit München 1938 oder halte er sie für Alarmismus? Welches Bild vom Westen habe man in den ost- und ostmitteleuropäischen Gesellschaften? Fragen wie diese sorgten für einen Abend, der – so Prof. Gallus in seinem Schlusswort – in der Person von Gerhard Gnauck das Bonmot vom Zeitzeugen als dem natürlichen Feind des Zeithistorikers bestens widerlegt habe.
Unsere Bilder, fotografiert von Paula Keller, Anastasiia Terentii und Robert Schröpfer, zeigen oben Dr. Gerhard Gnauck bei seinem Vortrag, außerdem unten Prof. Dr. Alexander Gallus während der Vorstellung unseres gemeinsamen Gastes, Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Gespräch sowie einen Blick auf den Büchertisch mit dem Titel „Polen verstehen – Geschichte, Politik, Gesellschaft“ von Dr. Gerhard Gnauck.
Die Veranstaltung war eine Kooperation des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte am Institut für Politikwissenschaft der TU Chemnitz, der Volkshochschule Chemnitz und unseres Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis. Wir danken Prof. Dr. Alexander Gallus, Dr. Ellen Thümmler und Dr. Frank Schale für die freundliche Zusammenarbeit. Den technischen Support und die Begrüßung im Namen des Gedenkstättenteams übernahmen Konstantin Wiesinger bzw. Robert Schröpfer, Besucherdienst und Büchertisch unsere Freiwilligen Paula Keller und Helena Reinhold.



