Zeitzeugin Petra Weise mit Schülerinnen und Schülern im Gespräch

Zeitzeuginnenbesuch hatte gestern Nachmittag unser Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis. Petra Weise war zum Gespräch mit jungen Leuten aus der Jahrgangsstufe 10 des Dr.-Wilhelm-André-Gymnasiums in unseren Lernort im früheren Hafttrakt B gekommen. In den vergangenen Wochen hatten Schülerinnen und Schüler aller fünf zehnten Klassen der Schule auf dem Chemnitzer Kaßberg unsere Dauerausstellung in Führungen kennengelernt. Zum Abschluss berichtete Petra Weise von ihrem missglückten Fluchtversuch 1980, der darauffolgenden Haft und ihrer Entlassung im Rahmen des Häftlingsfreikaufs aus der DDR über den Kaßberg in die Bundesrepublik.

Die Bibliothekarin aus Freiberg/Sachsen war durch eine lebensbedrohliche seltene Erkrankung ihrer damals dreijährigen Tochter in Konflikt mit dem Regime geraten. Weil sie und ihr Mann keinen „bevölkerungsbedarfsgerechten Beruf“ ausübten, rangierte das Kind weit unten auf der Warteliste für die überlebensnotwendigen Medikamente. Auch ein Umzug nach Ost-Berlin und damit in den Einzugsbereich der dortigen Krankenhäuser brachte keine Lösung. Das Ehepaar mit seinen zwei Kindern entschloss sich deshalb, unterstützt von einem Bruder Petra Weises, zur Flucht über Bulgarien, um die Tochter im Westen behandeln lassen zu können. Beim Fluchtversuch im Juli 1980 wurde die Familie an der Grenze zu Jugoslawien aufgegriffen. Petra Weise kam in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Pankow und wurde im Oktober 1980 zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsentzug verurteilt.

Petra Weise war acht Monate lang im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck eingesperrt. Ehemann und Bruder erhielten höhere Haftstrafen und wurden ins Zuchthaus Brandenburg gebracht. Im Juli 1981 wurde das Ehepaar freigekauft und über den Kaßberg in die Bundesrepublik entlassen, kurz darauf auch der Bruder. Die beiden Kinder, um die sich die Großeltern gekümmert hatten, durften später nachkommen. Die Erkrankung der Tochter wurde im Westen erfolgreich behandelt. Das Kind wurde geheilt.

Unsere Fotos zeigen Petra Weise im Gespräch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Seminarraum unseres Lernorts im früheren Hafttrakt B und im Porträt.

Wir danken Frau van Doorn vom Andrégymnasium und allen weiteren beteiligten Lehrerinnen und Lehrern für die freundliche Zusammenarbeit.

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